Viele Großstädter wissen heutzutage gar nicht mehr, welche Schätze in Form von Kräutern unser Wald birgt. Kräuter für Tees sind allenfalls etwas für Exoten, die sich ihre Kamilleblüten oder Brennnesselblätter selbst aufbrühen – wie umständlich! Da greift man im Bedarfsfall doch lieber zur verschriebenen Pille. Für das alte überlieferte Wissen unserer Vorfahren interessiert sich kaum noch jemand. Dabei wussten unsere Ahnen viel mit Kräutern aus dem Wald anzufangen. Kräuter, Beeren und Pflanzten waren die Medikamente der Urzeit und des Mittelalters. Und mittlerweile ist auch die Schulmedizin wieder dazu übergegangen, pflanzliche Wirkstoffe in der Heilkunde einzusetzen.

 

Kräuter aus dem Wald

 

Zu den medizinisch wirksamen Pflanzen zählte man unter anderem das Scharbockskraut. Es half gegen diverse Krankheiten, die man heute als Vitaminmangel-Symptome bezeichnen würde. Und in der Tat - dieses Kraut enthält, wie man heute weiß, außerordentlich viel Vitamin C. Veilchen galten übrigens noch lange, bis in unser Jahrhundert, als gutes Mittel gegen Fieber. Zu Zeiten unserer Urgroßeltern war Veilchensirup ein beliebtes Hausmittel gegen “Brennende Hitze”, gegen Seitenstechen und allerlei andere lästige Gebrechen. Ein Sirup aus Märzveilchen schmeckte zumindest nicht schlecht. Kräuter aus dem Wald müssen sehr anpassungsfähig sein. Denn über das Jahr verändern sich deren Lebensbedingungen enorm. Ihre Vegetationsphase beginnt, wenn das Licht der ersten warmen Sonnentage im Vorfrühling durch die unbelaubten Kronen der Bäume dringt und, fast ganz ohne Schatten, den Boden kräftig erwärmt. In kurzer Zeit grünt und blüht der ganze Wald - das Buschwindröschen ist vorne dran, dann kommen Schlüsselblume, Lungenkraut und Veilchen. Dies ist die Jahreszeit, in der unsere Laubwälder am schönsten blühen. Die frühblühenden Kräuter nutzen den fast ungestörten Lichteinfall so gut wie möglich. Der Waldboden ist bunt: weiß, gelb, blau. Später, wenn die Waldbäume Laub treiben, ändern sich die Lebensbedingungen am Boden. Es wird schattig und Blüten gibt es kaum. Im Herbst, wenn die Temperaturen sinken, ziehen sich die Kräuter zurück.